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Nina Horaczek

Und nie mehr
grüßt das Murmeltier

In Brüssel streiten Europas Politiker über strengere Gesetze zum Klimaschutz. In Österreich kommen Tiere und Pflanzen schon jetzt ins Schwitzen.

Aus Maikäfern werden Aprilkäfer. Möwen umkreisen die Alpen, am Grundlsee kreischen sie über Fischerbooten. Dem Bär wird sogar im Winter in seiner Höhle zu warm. Österreich wird wärmer, die Natur spürt es schon.

Nun plant die Europäische Union einen neuen Anlauf gegen den Klimawandel. Kürzlich präsentierte die EU-Komission ihre Klimaschutzpläne. Bald sollen Industriebetriebe für jedes Gramm Kohlendioxid, das sie in die Luft blasen, zahlen. Bis 2015 sollen verbindliche Grenzwerte für den CO2-Ausstoß der Autos gelten. Auch die Lastverteilung der EU-Klimaziele auf die einzelnen Mitgliedsstaaten soll neu beschlossen werden. Ziel ist, den Kohlendioxid-Ausstoß bis 2020 im Vergleich zu 1990 zum 20% zu reduzieren. Werden diese Maßnahmen die Erderwärmung stoppen können? Was bedeutet der Klimawandel für heimische Tiere und Pflanzen?

StorchStorch
Am Bodensee überwintern schon jetzt so manche Störche, weil es kuschlig warm ist und die Menschen sie füttern.

„Wir haben Störche, die bereits den Winter am Bodensee verbringen”, erzählt Wolfgang Fiedler, Leiter der Vogelwarte Radolfzell des Max-Planck-Instituts für Vogelkunde. Die Zugvögel finden die Temperaturen selbst in der kühleren Jahreszeit hier angenehm kuschelig und stornieren die lange Winterreise nach Afrika. Das mag winterliche Bodenseebesucher freuen, schadet aber der afrikanischen Landwirtschaft. Denn dort fehlen sie als Vertilger von Schädlingen wie Wanderheuschrecken oder Raupen.

StorchForelle
Der beliebte Speisefisch ist in freier Natur längst gefährdet. Der Klimawandel verringert den Lebensraum des Kaltwasser-Liebhabers noch mehr.

Auch die heimischen Wälder reagieren auf die Wärme, bestätigt Revierförster Hermann Neiss von den Bundesforsten. Seit dreißig Jahren durchwandert er den Wienerwald. „Die Bäche trocknen wesentlich schneller aus, ganze Populationen von Forellen sterben”, sagt er. Wildschweine vermehren sich wegen der mäßigen Temperaturen rasant, der Tanne hingegen wird in tieferen Lagen zu warm. Sein Kollege, Fischereimeister Matthias Pointinger, beobachtet, dass sich etwa im Salzkammergut die Fischpopulation ändert. „Wir haben hier Fischarten, die wir in den vergangenen Jahrzehnten noch nie beobachtet haben.” Flussbarsche vermehren sich auch in Seen rasant, in denen ihnen früher zu kalt war. Manchen Forellen wird es dafür zu heiß. „Es gab, etwa in Salzburg, Bäche, in denen die gesamte Forellenpopulation von einen Tag auf den anderen starb”, erzählt Helmut Belanyecz, Vizepräsident des Kuratoriums für Fischerei und Gewässerschutz.

Die Bundesforste, die etwa 15% der Waldfläche Österreichs bewirtschaften, spüren den wirtschaftlichen Schaden durch die Temperaturveränderungen seit langem und schlagen Alarm. Gleich zweimal in fünf Jahren brachten Unwetter die gesamte Jahresernte zu Fall. Bis zu zwei Millionen Festmeter Holz warfen Stürme in einer einzigen Nacht um. Der Schaden: einige Millionen Euro.

Sind das schon Anzeichen eines Klimawandels? Oder werden bloß kurzzeitige Wetterschwankungen, wie es sie immer schon gab, mit der großen Klimaänderung verwechselt?

„Ich bin mir sicher, dass man den Klimawandel schon spüren kann”, sagt Helga Kromp-Kolb, Klimaexpertin und Leiterin des Instituts für Meteorologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Wissenschaftlich gesehen befinde sich die Welt in einer „Zwischeneiszeit”. Diese würde noch etwa 40.000 Jahre andauern, gäbe es den Faktor Mensch nicht. „Danach würde die Temperatur wieder sinken”, sagt Kromp-Kolb. Tatsächlich zeigt das Thermometer aber nach oben. Alleine in den vergangenen hundert Jahren stieg die Durchschnittswelttemperatur um 0,8 Grad. Denn der Homo sapiens beeinflusst durch das Freisetzen von Kohlendioxid in Industrie, Verkehr, Landwirtschaft und Energieverbrauch das Klima. „Wir maschieren also in die falsche Richtung”, sagt Kromp-Kolb.

FeuersalamanderSalamander
Trocknen Bäche und Böden aus, schrumpft der Lebensraum von Amphibien wie dem Feuersalamander, der noch im Wienerwald zu finden ist.

„Die hochalpine Flora ist in Bewegung geraten”, bestätigt Georg Grabherr, Leiter des Instituts für Ökologie und Naturschutz an der Universität Wien. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass es heute mehr Pflanzen auf den Gipfeln gibt, als noch vor hundert Jahren. Die Regel, nach der sich die Tier und Pflanzenwelt verändert, ist simpel: Wer’s gerne kälter hat, wandert Richtung Norden oder klettert auf die Berge hinauf. Wer schon ganz oben auf den Gipfeln oder Flussquellen wohnt, für den wird es eng, ein neues Zuhause zu finden. Denn Platz fehlt schon jetzt. Alleine bei den Flüssen in Österreich sind achzig Prozent der Fläche vom Menschen reguliert, fast neunzig heimische Fischarten stehen auf der roten Liste der gefährdeten Tiere. Was die Flora betrifft kommen schon heute an die 25 Prozent aller europäischen Pflanzenarten nur im Hochgebirge vor.

Auch Vögel sind durch die warmen Temperaturen verwirrt. „Bei etlichen Singvögelarten zeigt die Erderwärmung Auswirkungen”, sagt Walter Arnold, Leiter des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie. So würde heimisches Federvieh früher als bisher zu brüten beginnen. Bei Zugvögeln sei wiederum zu beobachten, dass diese zwar ebenfalls früher aus ihrem Winterquartier zurückkehren, doch oft immer noch zu spät. „Normalerweise kommt die Brut, wenn Insekten, also die Nahrung für den Nachwuchs, vorhanden sind”, sagt Arnold, „kommen sie aber erst an, wenn der Frühling weit fortgeschritten ist, fehlt das Futter.” Auch tierische Alpenbewohner geraten unter Druck. Denn in den Alpen steigt die Temperatur noch schneller als in tiefen Lagen. Dem Alpenmurmeltier ist unter tausend Metern schon jetzt zu warm. Steigt die Waldgrenze, dann verschwinden die Almwiesen, der Lebensraum der kleinen Pfeifer.

MurmeltierMurmeltier
Dem Alpenmurmeltier ist es bereits jetzt unter 1000 Meter zu heiß. Steigt die Temperatur, bleibt der Kälte-Freak im Bau und kann sich keine Polster für den Winter anfuttern.

Der Klimawandel öffnet aber auch Grenzen für exotische Einwanderer. Die Gottesanbeterin etwa, eine bis zu acht Zentimeter lange Insektenart, war früher in unseren Breiten so rar, „dass ein einziger Fund gleich zu einer wissenschaftlichen Publikation führte”, erinnert sich der Zoologe Johannes Gepp vom Naturschutzbund. Mittlerweile hat sich die mediterane Tierart mit den Scherenhänden über ganz Österreich bis hinauf in die Alpen ausgedehnt.

GottesanbeterinGottesanbeterin
Auch so können Alpentiere aussehen: Das mediterane Insekt hat in vergangenen Jahren Österreich erobert und wurde nicht nur in Höhenlagen, sondern auch schon in der Wiener Innenstadt gesichtet.

Auch dem Borkenkäfer gefällt die Wärme. Der Schädling, dessen bloß wenige Millimeter große Unterart mit dem Namen Buchdrucker schon heute Fichten anknabbert und zerstört, könnte bald ob dieser angenehmen Temperaturen pro Jahr eine Generation mehr Nachwuchs schaffen. Das kleine Insekt klettert auch ziemlich weit hinauf. „Nach den vorliegenden Klimadaten sollte der Buchdrucker höchstens bis 1400 Meter Seehöhe kommen”, sagt der Zoologe, „tatsächlich krabblelt er aber schon auf 1700 Meter.” Für die Fichte, mit einem Flächenanteil von mehr als fünzig Prozent der wichtigste Baum in Österreich, wird das doppelt unangenehm: Zum einen leidet die Baumart schon jetzt unter den stärkeren Temperaturen und der vermehrten Tockenheit, zum anderen steigt der Schädlingsbefall bis in die hohen Lagen.

BorkenkäferBorkenkäfer
Der millimeterkleine Schädling mag es gerne wärmer – und wandert schon jetzt immer höher in die Alpen, wo er die Fichtenbäume anknabbert.

Nicht nur Flora und Fauna stresst das Klima. Auch der Mensch gerät unter Druck: Oberhalb des Südtiroler Ortes Sölden mussten bereits Wasserleitungen gesperrt werden, weil das Wasser plötzlich so stark mit hochgiftigem Nickel verseucht war. „Durch die Klimaerwärmung begannen in dieser Region die Permafrostböden der Gletscher zu schmelzen. Dadurch fließt nickelhaltiges Wasser in die Gebirgsseen”, sagt Gewässerkundler Roland Psenner vom Institut für Limnologie in Innsbruck. Auf der Veterinärmedizin wird erforscht, welche tierischen Krankheitsüberträger bald bei uns heimisch sein werden. Beim aus Afrika stammenten Usutu-Virus, dass zur Jahrtausendwende ein heftiges Amselsterben auslöste, konnte Franz Rubel, Professor an der Veterinärmedizin, einen Zusammenhang mit dem Klimawandel nachweisen. Steigt die Temperatur um etwa ein Grad, befürchten Wissenschaftler auch die Verbreitung der Sandmücke im Donauraum. Sie überträgt die tropische Infektionskrankheit Leishmaniose. Auch die giftige Spinnenart Schwarze Witwe, die derzeit bis 300 Kilometer an die steirisch-slowenischen Grenze herankriecht, könnte bald weiter nördlich ihre Netze spinnen. Wandert die Baumgrenze weiter nach oben und rücken gleichzeitig Schädlinge wie der Borkenkäfer nach, wird auch die Gefahr von Lawinen- und Murenabgängen zunehmen. „Um uns gegen die zunehmende Anzahl der Naturkatastrophen zu wappnen, versuchen wir schon jetzt die Waldbestände stärker zu durchmischen und die wiederstandsfähigen Baumarten zu forcieren”, erklärt Bundesforste-Vorstandssprecher Georg Erlacher. Schließlich dauert es im Schnitt 134 Jahre, bis ein Baum so weit ausgewachsen ist, dass er geerntet werden kann.

SchneehaseSchneehase
Weniger Lebensraum, warmes Wetter, falsche Farbe in schneearmen Zeiten: Das weiße Tier wird wahrscheinlich von seinem Vetter Feldhase verdrängt.

Selbst wenn radikale Sofortmaßnahmen getroffen würden, steigen die Temperaturen weiter, sagt Klimaexpertin Kromp-Kolb. „Würden, was völlig unrealistisch ist, ab heute alle Emissionen eingestellt, bewirkt die bereits vorhandene Konzentration von Treibhausgasen in den kommenden fünfzig Jahren einen Temperaturanstieg von einem halben Grad.” Werden nun realistische Klimaschutzmaßnahmen eingeleitet, werden die Temperaturen bis zum Jahr 2100 um etwa zwei Grad höher steigen. Selbst dafür müsste sich Österreich ziemlich anstrengen. Hier stieg die CO2-Emission seit 1990 um zwanzig Prozent, alleine der Straßenverkehr hat sich in den vergangen 15 Jahren verdoppelt. Im Vergleich zum Vorjahr sanken die Treibhausgase 2006 zwar um 2,3 Prozent, das aber vor allem wegen des milden Winters und weil die Ölpreise stiegen. Die EU-Komission fordert von Österreich nun in den Berreichen Verkehr, Gewerbe und Haushaltzumindest 16 Prozent CO2-Einsparung zum Vergleichsjahr 2005.

Für den Bären kommt diese Rettungsmaßnahme zu spät. Der dicke Waldbewohner könnte wie seine Verwandten im warmen Syrien ohne Winterschlaf überleben, das passiert – zumindest in Östereich – schon viel schneller. „Seit 1989 wurden zwar 32 Jungbären geboren”, erzählt Walter Wagner, „Bärenanwalt” und Förster bei den Bundesforsten. Nun sind nur mehr sechs übrig. Der Rest lief Jägern vors Gewehr oder „verschwand” einfach. Selbst wenn Elsa, Österreichs allerletztes Bärenweibchen, fleißig für Nachwuchs sorgen würde, ist Wagner überzeugt: „Mit den Bären ist es bei uns wohl vorbei.”

Quelle: Nina Horaczek, Falter. Stadtzeitung Wien, 4/08